Was sind die Wolken?

Ausstellung

18.11.2017 – 4.3.2018
Eröffnung: 17.11.2017, 19 Uhr

Was sind die Wolken? nimmt das Jubiläum der Reformation zum Anlass, um aus der Perspektive der Gegenwartskunst über Freiheit, Emanzipation und Imagination nachzudenken.

Zentraler Ausgangspunkt der Ausstellung ist der Kurzfilm Che cosa sono le nuvole? (Was sind die Wolken?) des italienischen Filmregisseurs, Autors und Publizisten Pier Paolo Pasolini von 1968. Dieser kreist um eine Aufführung von Shakespeares Othello als Marionettentheater – wobei die Marionetten von Schauspieler_innen an Fäden dargestellt werden. Im Verlauf des Stücks hinterfragen die Marionetten sich und ihre Handlungen, und auch das Publikum akzeptiert die Erzählung nicht: Um Desdemonas Ermordung zu verhindern, stürmt es die Bühne und beseitigt den Intriganten Jago und den „Mohr von Venedig“, Othello. Pasolini lässt diesen von einem weißen Schauspieler mit schwarz gefärbtem Gesicht spielen (heute als „Blackfacing“ bezeichnet) und verweist so auf die rassistische Tradition, dunkelhäutige Figuren durch weiße Schauspieler darzustellen. Jago und Othello werden am Ende von einem Müllmann entsorgt. Auf der Müllkippe sieht Othello zum ersten Mal in seinem Leben die Wolken…

Indem er die emanzipatorische Geste des Widerstands als Narrativ einführt, lässt sich Pasolinis Film als vielschichtige Parabel aus historischer wie aus zeitgenössischer Perspektive lesen. Zentrales Motiv der Ausstellung ist das handelnde Subjekt – dessen emanzipatorisches Streben und Suche nach anderen Lebensformen sowie die politische Dimension des eigenen Denkens und Handelns, hier u. a. definiert als Zweifel, Revolte und Reformulierung. Sie setzt sich zudem kritisch mit den Auswirkungen des modernen Kolonialismus und globalen Sklavenhandels auseinander, die ihre Wurzeln – gemeinsam mit dem Kapitalismus – bekanntlich im Zeitalter der Reformation haben.

 

 

Erst im 18. Jahrhundert, parallel zum Höhepunkt des modernen Sklavenhandels, entstand anhand der philosophischen Theorien der Aufklärung der europäische Freiheitsbegriff mit seiner Idee von der Autonomie des Subjekts. Somit lässt sich unsere heutige Definition von Freiheit und Emanzipation nicht ohne ebendiese ideengeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Dimensionen verstehen. Darüber hinaus bezieht sie sich auf zeitgeschichtliche Ereignisse, wie die Proteste gegen den Vietnamkrieg oder die Unabhängigkeitsbewegung gegen die portugiesische Kolonialmacht in Mosambik in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Ein weiterer Schlüsselbegriff der Ausstellung ist „der emanzipierte Zuschauer“: In seinem gleichnamigen Buch plädiert der französische Philosoph Jacques Rancière für eine Beziehung auf Augenhöhe zwischen „Lehrenden“ und „Lernenden“, die als Rückverweis auf Pasolinis „Pädagogik der Befreiung“ gelesen werden können. In seinen als Lutherbriefe betitelten Essays relativierte auch Pasolini die Kompetenz der Älteren bzw. Lehrenden, indem er Lernen als umfassendes Verstehen der Welt durch kulturelle Aneignung sowie geistige und körperliche Prozesse interpretierte.

Die Ausstellung Was sind die Wolken? greift die ästhetischen und diskursiven Ebenen von Pasolinis Film auf. Sie zeigt hierzu aktuelle künstlerische Reflektionen über Freiheit, Emanzipation und Imagination und setzt sie in eine intertextuelle Beziehung. Im Vordergrund stehen Werke, die auf Relektüren bzw. De- und Remontagen aus den Bereichen Kunst, Literatur, Film und Theater basieren. Sie wird ergänzt durch ein Programm mit Performances, Vorträgen, Workshops und Filmen, das ein Assoziationsfeld zu den verschiedenen Aspekten der
Ausstellung bildet.

So werden etwa in einem gemeinsam mit dem Hannah-Ahrendt-Institut Stuttgart, Die AnStifter und dem Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg realisierten Forum zivilgesellschaftliche Initiativen Fragen der politischen wie gesellschaftlichen Teilhabe verhandelt.

Noch bis zum 14. Januar 2018 ist in der Ausstellung Alexander Kluge. Gärten der Kooperation im Württembergischen Kunstverein eine Hommage von
Alexander Kluge an Pasolinis Was sind die Wolken? zu sehen.

Künstler_innen
Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme,
CPKC (Emily Fahlén, Peter Spillmann,
Marion von Osten), Tim Etchells, Glenn Ligon,
Frédéric Moser & Philippe Schwinger,
Pier Paolo Pasolini, Catarina Simão,
Ana Torfs, Ana Vaz u. a.

Tickets
Einzelticket: € 5 / 3 ermäßigt
Kombiticket 1 mit Reformation in Württemberg, Sonderausstellung des Landesarchivs BW im Altbau des Kunstgebäudes: € 10 / 6 ermäßigt
Kombiticket 2 mit Alexander Kluge. Gärten der Kooperation im Württembergischen Kunstverein Stuttgart: € 8 / 5 ermäßigt

Kasse/Tickets
Tel +49 172 344 6977

Öffnungszeiten
Di, Do–So: 11-18 Uhr; Mi: 11-20 Uhr

 

Kostenlose Führungen
Sonntags, 17 Uhr

Führungen für Schüler_innen
Kostenlose Führungen für Schulklassen

Individuelle Gruppenführungen
ca. 60 Min / € 50 zzgl. ermäßigter Eintritt/Person

Termine für Schüler- und Gruppenführungen auf Anfrage: gebhard_lehner@kunstgebaeude.org

Aktuelle Veranstaltungen

Künstler_innen

Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme
CPKC (Emily Fahlén, Peter Spillmann, Marion von Osten)
Tim Etchells
Glenn Ligon
Frédéric Moser & Philippe Schwinger

Pier Paolo Pasolini
Catarina Simão
Ana Torfs
Ana Vaz

 

Mediathek

Während der gesamten Ausstellungsdauer ist darüber hinaus die sich seit New Narratives: Ökonomien anders denken im Aufbau befindende Mediathek mit Publikations-, Recherche- sowie Filmmaterial zu den Projekten im Altbau des Kunstgebäudes zugänglich.

 

Rahmenprogramm

Begleitend findet bei freiem Eintritt ein komplementäres öffentliches Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm mit Performances, Filmen, Vorträgen, Workshops und Diskussionen statt, zu dem neben den an der Ausstellung beteiligten Künstler_innen weitere internationale Gäste eingeladen sind. In einem öffentlichen Forum treffen zivilgesellschaftliche Initiativen zusammen und arbeiten in transdisziplinären Workshops, performativen Aktionen, Diskussions- und Vortragsformaten zu Fragen der Mitgestaltung von und Verantwortung für Gesellschaft.

 

Projektpartner und Förderung

Ein Projekt von
Akademie Schloß Solitude - Logo
Staatl. Akademie Schloß Solitude Stuttgart
Württ. Kunstverein Stuttgart - Logo
Schauspiel Stuttgart - Logo
Theater Rampe - Logo
Institut für Auslandsbeziehungen - Logo
in Kooperation mit
Die AnStifter Logo
Hannah-Arendt-Logo-Grau[1]

Hannah-Arendt-Institut

Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg
Hauptförderer
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden-Württemberg - Logo
Gefördert von
Prohelvetica
Flanders State of the art
Kuratorinnen

Christine Peters, Iris Dressler

 

Hinterleitner Design